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Berufsorientierung in der Grundschule – zu früh?

Vortrag von Dr. Wolfgang Alberts am 13.11.2008

Wenn ich jetzt nach mehr als 30 Jahren Lehrerbildung im Bereich der Grundschulpädagogik die Fragestellung dieses Beitrages betrachte, möchte ich das Zeitfenster in der Themenüberschrift um weitere Zeitfenster ergänzen: – Berufsorientierung in der Grundsschule - zu spät? – Berufsorientierung in der Grundschule - heute und jetzt – Berufsorientierung in der Grundschule zukünftig

Zunächst die Frage: Berufsorientierung in der Grundschule – zu spät?

Als Gründe für die These, dass Berufsorientierung in der Grundschule nicht mehr ein zeitgemäßes Thema ist, also einen Aufgabenbereich darstellt, der lediglich historischen Charakter hat , lassen sich erstens anführen, dass das ursprüngliche verbindliche Berufsbild verschwunden ist.

So wird ursprünglich mit dem Begriff Beruf der Prozess der Persönlichkeitsbildung verbunden, Beruf und Berufung als notwendiger Zusammenhang gesehen ( Luther).

Zweitens wird der Begriff Beruf zunehmend in den Medien ersetzt durch die Bezeichnung Job, was bedeutet: Beschäftigung zum Zwecke des Gelderwerbs. Weitere bekannte Begriffe sind Job-Sharing, Job- Center, ein Euro- Job.

Ich möchte an eine Zeitungsnachricht erinnern:
Beleg: KURT BECK, 13. Dezember 2006 zu einem Arbeitslosen „Wenn Sie sich waschen und rasieren, haben Sie in drei Wochen einen Job“.

Damit ist ein weiterer Aspekt -Lehrstellenmangel und Arbeitslosigkeit- angesprochen, ob der Wunsch eine Berufsausbildung zu erhalten oder in einem Beruf tätig zu werden, heute überhaupt zu realisieren ist.

Welche Gründe sprechen dann für eine Berufsorientierung heute?

Die oben genannten kritischen Positionen stellen keine grundsätzlichen Einwände dar, wie die folgenden Argumentationen zeigen. Für eine pädagogische Notwendigkeit der Behandlung der Thematik sind anzuführen zum einen Forschungsergebnisse zum Elementar- und Primarbereich sowie langjährige Studien in den Fachpraktika gemeinsam mit Frau Graefen an der Grundschule Schenkendorf in Koblenz.

Damit ist auch die Frage in der Titelüberschrift Berufsorientierung in der Grundschule zu früh mit nein zu beantworten. In dem Projekt Berufsorientierung haben wir einzelne Bausteine der Materialien erprobt bzw. ausgewertet sowie im Rahmen des Werkstattunterrichts Kompetenzen feststellen können, die belegen, welche Bedeutsamkeit das Thema Beruf und Arbeit hat.

So übernahmen Schüler die Rollen von Architekten, Malern, Fliesenlegern, Zimmermännern, Berufe, die im Buch für die Hellewecks – herausgegeben von der Handwerkskammer Koblenz - von besonderer Bedeutung sind.

Entsprechende vorliegende Forschungsergebnisse möchte ich in einer Zusammenfassung näher beschreiben, warum Berufsorientierung heute und jetzt in der Grundschule wichtig ist.

1. Anthropologische Argumentation

Kinder sind von sich aus an der Umwelt interessiert, dem Kind wird Forschergeist zugeschrieben. Kinder sind nicht nur bestrebt ihr Wissen zu nutzen, sondern auch zu erweitern. Kinder wollen nicht nur wissen, dass es verschiedene Wippen auf dem Spielplatz gibt, sondern auch erkennen, nach welchem Prinzip Gleich- und Ungleichgewicht zu erklären ist, damit man gemeinsam wippen kann. Berufsorientierung in der Grundschule muss die erfahrbare Umwelt zu ihrem Ausgangspunkt nehmen, damit die Perspektive des Kindes, Fragen und Erfahrungen entsprechende Lernanlässe bieten. Auch in unserem Praktikum bestätigte sich der Erkenntniswille und die Erkenntnisfähigkeit von Kindern aufgrund der Textanalyse des Buches mehr über die entsprechenden Berufe zu erfahren.

2. Entwicklungspsychologische Argumentation

Gerade im Grundschulalter erwerben die Kinder ein immer differenzierteres Wissen und Bild von sich und anderen. Aufgrund der Entwicklungsvoraussetzungen lernen sie verschiedene Gesichtspunkte aus unterschiedlichen Bereichen von Natur und Technik zu verbinden. Es sind vor allem Experimente, die Kindern gezielt helfen, zu erkennen, was und wie etwas funktioniert: Kinder möchten wissen, was in einer black-box - hier Taschenlampe - abläuft, wenn die Taschenlampe leuchtet oder nicht leuchtet.

3. Persönlichkeitsbildende Argumentation

Berufsorientierung in der Grundschule ist ein Beitrag zur Veralltäglichung von Allgemeinbildung. Ökonomischer Bereich und Allgemeinbildung bedingen sich. Wer eine Schul- oder Berufsausbildung nicht abschließt, läuft Gefahr sozial ausgegrenzt zu werden.

4. Gesellschaftliche Argumentation

Zur Übernahme von Verantwortung in der Gesellschaft gehören die Teilnahme und Teilhabe an der Gesellschaft und damit auch der Weg in den Beruf bzw. die Orientierung über Berufe bzw. Vorbereitung auf den Beruf.

5. Historische Argumentation

Arbeit und Beruf waren schon immer Themen reformpädagogischen Denkens. Anzuführen ist z.B. die Arbeitsschulbewegung (KERSCHENSTEINER, GAUDIG). Bekannt ist die Forderung PESTALOZZIS nach einem Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Als ein Beispiel für entsprechendes Arbeiten heute kann der Einsatz der Druckmaschine im Anfangsunterricht bei FREINET angeführt werden. Bekannt sind auch die Arbeitsformen im modernen Sachunterricht nach EINSIEDLER, die er – heute noch aktuell- vor 30 Jahren anführte: Unterrichtsgang, Objekterkundung, Arbeit mit Modell, Schema, Bild, Befragung, Beobachtung, Versuch, Arbeitsformen des Machens und Vormachens wie Darstellungseinheit, Handlungseinheit ( z.B. Kompassbau ). Wichtig erscheint in diesem Zusammenhang auch die didaktische Frage, inwieweit das Spannungsverhältnis Anpassung des Menschen an die Arbeit- Anpassung der Arbeit an den Menschen gelöst werden kann. Ein mögliches Thema in diesem Zusammenarbeit wäre z. B. die Frage der Kinderarbeit in Entwicklungsländern.

6. Schulische Argumentation

Wenngleich der Schwerpunkt der vorberuflichen Bildung allgemein bildenden Schulen im Sekundarbereich zugeordnet wird, erfolgt in der Grundschule ein erster Kontakt mit berufsbezogenen Themen. Subjekt-, Fach- und Gesellschaftsorientierung sind hier Bezugspunkte einer weiten Skala für Bildungs- und Lernprozesse. Damit wird vor allem der Bereich Alltagswissen und Alltagskompetenz angesprochen. Rechenfertigkeit , Orthographie sind keine Schlüsselqualifikationen , sondern die Bereiche Selbständigkeit, Kreativität, Handlungsfähigkeit bzw. Fähigkeit zum vernetztes Denken. Dieses bedeutet eine Entgrenzung der Institutionen; aus Fachfragen werden Sachfragen und schließlich Lebensfragen. Aufgabe im Unterricht ist es, nicht nur eine Arbeitsaufgabe zu übernehmen, sondern diese auch gemeinsam mit den Mitschülern zu bearbeiten und zu lösen. Mit diesem Wandel von der Belehrungsanstalt zur Lernwerkstatt wird auch eine Verzahnung schulischen und außerschulischen Lernens angesprochen, z.B. Vernetzung mit Kooperationspartnern, z.B. Grundschule- und Handwerkskammer, Grundschule und Universität. Rückblickend möchte ich auf die Eingangsfrage im Titel meines Vortrags zurückkommen: Berufsorientierung in der Grundschule zu früh? Die verschiedenen Argumentationen haben gezeigt, wie wichtig Berufsorientierung im Sinne technischer Grundbildung im Primarbereich sein kann. Die Qualität zukünftiger Bildungsarbeit in diesem Bereich hängt aber davon ab, inwieweit es gelingt entsprechende Rahmenbedingungen zu verbessern. Damit wird die Frage nach dem letzten Zeitfenster angesprochen. Eine Analyse der Fachliteratur zeigt, dass zwar immer wieder auf die Notwendigkeit einer technischen Grundbildung hingewiesen wird, aber eine übergreifende curriculare Diskussion auch zur Professionalisierung entsprechender schulischer Arbeit noch aussteht. Auf Problembereiche zur Umsetzung berufsbezogener Themenstellungen in Theorie und Praxis wird zwar hingewiesen, entsprechende strukturelle Änderungen in der Grundschule ( z.B. Ausstattung mit Werkraum, Schallschutz) von Schulaufsichtsbehörden zum Teil als wünschenswert gesehen, aber finanziell als nicht machbar betrachtet. In wieweit die gewünschten notwendigen pädagogischen Zielsetzungen zukünftig eingelöst werden, hängt davon ab, inwieweit es gelingt, weitere grundlegende Reformen in verschiedenen Bereichen umzusetzen.

1. BEREICH: Studium Technikbezogene Ausbildungsinhalte als verbindlicher Bestandteil sind in die Studien- und Prüfungsordnungen der I. und II. Phase aufzunehmen. Aus hochschuldidaktischer Sicht ist in diesem Zusammenhang ein grundschuldidaktisches Studium einem fachwissenschaftlichen Studium vorzuziehen, um angemessen dem Auftrag einer grundlegenden Bildung im Primarbereich entsprechen zu können. In diesem Zusammenhang sollen auch Schwellen und die Distanz von Lehramtsstudenten zu technisch-naturwissenschaftlichen Themen abgebaut werden.

2. BEREICH: Lehrer- Fort- und Weiterbildung Verpflichtende Teilnahme an Angeboten zur technischen Grundbildung ist notwendig.

3. BEREICH: Institutionelle Voraussetzungen Werkstätten sind in den Schulen aufzubauen, damit technisch bezogene Inhalte zu berufsbezogenen Themen qualifiziert in der Grundschule vermittelt werden können. Zudem sollten für spezielle Themenangebote mobile Lernwerkstätten eingerichtet werden. Nicht nur Lernprodukte sollten zukünftig Inhalte von Untersuchungen zu Qualitätsstandards von Schulen sein, sondern Lernprozesse gleichermaßen.

Zum Schluss ein Ausblick:

Grundschule als Zukunftswerkstatt.
Vielleicht ist ein Perspektivenwechsel notwendig, was die inhaltliche Diskussion zur Qualität von Grundschulunterricht oder Arbeiten in der Grundschule betrifft, vielleicht weniger als Alternative, sondern als Ergänzung. Statt regelmäßig Defizite zu konstatieren und einzuklagen, dieses allein zum Thema zu machen, jungen Menschen fehle es an Kompetenz und Erfahrungen zur Berufsorientierung , sollte vielmehr darüber nachgedacht werden, wie Kinder berufsbezogene Handlungsfelder als Erfahrungssituationen erleben ,wie sie in diesen mitwirken und sie bewältigen können. Hier entstehen nicht nur Kompetenzen, vielmehr können sie sich bewähren und die eigenen Kompetenzen vielleicht auch entdecken. Unsere Erfahrungen im Praktikum mit einer vierten Grundschulklasse in Koblenz haben gezeigt, dass es manchmal scheint, dass Kinder gar nicht wissen, wozu sie fähig sind und was sie leisten können. Eine solche Form der Berufsorientierung in der Grundschule fördert eine Kultur des Vertrauens in die Leistungsbereitschaft des Kindes und ist somit ein Gegenpol zur Kultur des Misstrauens in die Leistung der uns anvertrauten Schüler, die aufgrund von Evaluationsstudien zunehmend aufgebaut wird. Klagen über schlechte Vorbereitung und Orientierung von Schülern für Arbeit und Beruf sind notorisch, aber auch vermeidbar, wie die Diskussionen, Arbeitsergebnisse und Reformvorschläge zur Gestaltung der Grundschule im Rahmen des Lehrerbildungstages 2008 der Handwerkskammer Koblenz zeigten.

Dr. Wolfgang Alberts
Akademischer Direktor
Universität Koblenz- Landau / Campus Koblenz

Weitere Infos zu den HelleWecKs bei der Pädagogischen Anlaufstelle der HwK Koblenz, Tel.: 0261/ 398-343, Fax: -989, E-Mail: hellewecks@hwk-koblenz.de

Stand: 13.11.2008